viernes, 15 de diciembre de 2006

Ehemalige Staatschefs

Kaum bin ich drei Wochen hier, da macht der alte Pinochet nicht mehr mit. Eine Woche vorher gab es Aufregung, weil er ins Krankenhaus musste, aber dann hiess es, der wird wieder. Im Fernsehen hiess es: "Der Zustand ist zufriedenstellend." Aha, meinten die meisten Leute, "zufriedenstellend" heisst, er macht es nicht mehr lange, denn genau darauf haben ja alle gewartet. Nein, nicht alle. Die meisten wollte ihn einfach nur loswerden. Aber die, die immer noch ihre Leute vermissen, wollten ihn vorher rechtskräftig verurteilt hinter Schloss und Riegel sehen. Komischerweise ist allerdings immer wenn ein Gerichtstermin anstand, das ein oder andere Zipperlein dazwischen gekommen. Seltsam.
Am Sonntag waren wir in Quilpue bei Sebas Eltern und habe mir gerade seelenruhig die Nägel lackiert, da ruft es aus dem Wohnzimmer "Pinochet ist tot" und alle rennen zum Fernseher und können sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Wir mussten an dem Abend noch nach Santiago zurück und waren ganz gespannt, was und da erwartet. Die unverbesserlichen Pinochet-Anhänger hatten sich zum Trauern vor dem Krankenhaus versammelt, die Gegner nahmen Kurs auf das Stadtzentrum. Pinochet hat immer noch Anhänger, die ihn verehren, weil er das Land angeblich vor dem Kommunismus gerettet hat. Die Anhänger sind die, die davon profitiert haben, sprich sie befinden sich grösstenteils unter den oberen 10000 sowie im Militär. Erschreckend ist, wie viele junge Leute unter den Pro-Demonstranten waren. Sehr interessant ist, dass sich hier im Fernsehen kein Kommentator traut "Ex-Diktator" zu sagen. Sie drücken sich alle sehr vorsichtig aus, z.B. "Ex-Staatschef und Chef der Streitkräfte" oder "General im Ruhestand". Da sieht man, wie sehr ihnen die Angst vor dem Pinochet-Netzwerk noch in den Knochen steckt.
Auf dem Weg zum Bushof kam uns ein erster Taxifahrer entgegen, der ganz schüchtern auf die Hupe drückte, so nach dem Motto "trau ich mich oder trau ich mich nicht?" In Santiago angekommen haben wir dann erstmal den Fernseher angeworfen um zu sehen, was zwei Strassen weiter los ist. Inzwischen gab es überall Hupkonzerte und feiernde Leute. Nachdem wir aus dem Fernsehen wussten, dass es im Stadtzentrum ungefährlich zugeht, sind wir rausgegangen um zu gucken. Aber in der Zwischenzeit hatten einige Idioten Krawall geschlagen. Es ging das Gerücht, die Pinochet-Anhänger hätten einige Schläger unter die Leute gemischt, um die Gegner als Chaoten hinzustellen. Keine Ahnung, auf jeden Fall kamen und auf halbem Weg ganz viele Leute entgegen, die meinten, wir sollen lieber nicht weitergehen und dann merkte man auch schon das Tränengas, das war Überzeugung genug. Dummerweise hatten wir das Fenster aufgelassen, so dass wir ein bisschen von dem Tränengas auch in der Bude hatten. Wie auch immer, das alles war auf jeden Fall sehr interessant.
Am Tag der Beerdigung gab es wieder eine Demo in der Innenstadt, da versammeltensich die Gegner von Pinochet um das Allende-Denkmal und machten Musik und hüpften und sangen: "Wer nicht hüpft ist Pinochet". Sie forderten auch, ihn noch posthum zu verurteilen, damit er wenigstens pro Forma nicht davonkommt. An einer Mauer bei uns um die Ecke steht jetzt geschrieben: "Pinochet, Willkommen in der Hölle. Gez. Hitler, Franco u.a." Der Enkel von Pinochet hat sich dann in seiner Grabrede doch etwas übernommen und gemeint sein Opa hätte Chile vor den Marxisten gerettet, die das Land mit Waffengewalt im Griff hatten. Diese etwas merkwürdige Auslegung der Geschichte hatte dann zur Folge, dass der liebe Enkel jetzt nicht mehr Mitglied der Armee ist. Geht doch.

Am Mittwoch hatte ich dann das Vergnügen, mit dem vorigen Präsidenten von Chile, Ricardo Lagos ins Kino zu gehen. Ok, das ist übertrieben. Es gibt einen Dokumentarfilm über Klimawandel von Al Gore, der heisst "An Unconvenient Truth". Und es gibt hier eine Art Forum oder Organisation, die heisst "Chile 21". In Chile 21 sind mehrere Gruppen organisiert, die sich um Chiles Zukunft kümmern und aktuelle Themen diskutieren, für Bildung, Fortschritt, Umweltschutz usw. sorgen wollen. Sebastián ist in einer dieser Gruppen aktiv. Eine andere Gruppe von Chile 21, die sich hauptsächlich mit Umweltschutz befasst, hatte zur Premiere dieses Films eingeladen, mit anschliessendem Empfang und Unterzeichnung einer Selbstverpflichtung zum Klimaschutz. Alle Leute, die in Chile 21 organisiert sind, waren eingeladen und ich durfte auch mit und Ricardo Lagos war auch da. Schon cool, das ist so als wenn man in Deutschland irgendwo hingeht und dann kommt auch der Kohl. Und das war ein kleiner Kinossal, wir waren also nah dran. Man muss dazu sagen, dass Ricardo Lagos hier nicht irgendein Ex-Präsident, sondern unübertroffen beliebt ist. Für viele Chilenen ist er eine richtige Lichtgestalt, weil es unter seiner Regierung steil bergauf ging und er wirklich viel erreicht hat. Seba meinte "Oh, Ricardo Lagos ist so wichtig für mich und er weiss nicht einmal dass es mich gibt." Bei dem Empfang hat sich Seba dann noch grösser gemacht als er ohnehin schon ist, damit Lagos ihn sieht. Irgendwann hat es geklappt und Seba meinte: "Juhu, er hat mich angeschaut, jetzt existiere ich in seinem Unterbewusstsein." So einfach kann man Leuten eine Freude machen :-)
Der Film ist übrigens sehr zu empfehlen...

1 comentario:

Unknown dijo...

Liebe Vera,

es macht superviel spaß zu lesen was du alles in chile machst und vor allem auch die kleinen alltäglichen details, die man als laie, die noch nie ausserhalb europa war, nicht wissen kann. keep going !!!! wann schreibste wieder weiter ??? :)

Muchos besitos de Gitte (Cádiz)