jueves, 11 de enero de 2007

Rumrennen

Nachdem ich Weihnachten also mehr oder weniger gut ueberlebt hatte, habe ich die letzte Woche des Jahres damit verbracht, von Pontius nach Pilatus zu rennen. Ich musste ja imernoch mein Business-Ticket nach Argentinien loswerden und mein Geld dafuer zurueckerobern. Und nicht nur das, aber dazu spaeter.

Ich wollte mich also eines schoenen Abends nach Weihnachten mit einer Freundin aus Aachen treffen, die auch hier wohnt und gerade einen Chilenen geheiratet hat. Da das Iberia-Buero auf dem Weg lag und wir uns frueh treffen wollten, habe ich alles schoen zusammengesucht, eingesteckt und bin losgezogen den Kundendienst das Fuerchten zu lehren. Kundendienst-Mitarbeiter fuerchten sich naemlich hier vor den Kunden, denn Kunden bedeuten Arbeit und womoeglich wollen sie sogar so unverschaemte Dinge wie Information oder gar die Loesung eines Problems. Das ist nun wirklich zu viel verlangt! Diese Erfahrung hatte ich schon bei dem Versuch gemacht, mir ein Handy zu kaufen. Seba meinte dazu nur: "Willkommen im Land der Inkompetenz. ABER: Reg Dich nicht auf, die verdienen so wenig, da waerst du auch nicht nett." Toll. An diesem Tag hatte sich das Problem dann aber dadurch erledigt, dass ich um Punkt halb sechs mit einem klapprigen Paternoster, der von einem noch klapprigeren Aufzugwaerter (aber in Uniform!) bedient wurde, bei Iberia ankam und mir prompt die Tuer vor der Nase abgeschlossen wurde, weil Iberia um halb sechs zumacht. Alles andere drum herum macht erst um sieben zu, das war mal wieder Murphies Gesetz.

Am naechsten Morgen bin ich also frueh raus und wieder zu Iberia und habe dabei eine interessante Entdeckung gemacht: Wenn Santiago erwacht, was es fuer eine so grosse Stadt recht spaet (zwischen 9 und 10) tut, kommen aus allem Ecken Leute und bilden Schlangen vor allem, wo man irgendeine Dienstleistung bekommen kann und warten, dass geoeffnet wird: Banken, Notare, Anwaelte, Behoerden, Aerzte, Versicherungen usw. Und was fuer Schlangen: Keine wilden Haufen, sondern schoen einer hinter dem anderen und dass das ja nicht durcheinanderkommt. Bei Iberia war zum Glueck noch keine Schlange und diesmal war auch jemand da. Allerdings wie ich befuerchtet hatte, mit wenig Lust auf mich. Die Dame hat sich mein Problem angehoert um dann zu sagen: "Das geht nicht". Punkt aus, Problem fuer sie erledigt. Ich war do verdutzt, dass ich erstmal gar nichts gesagt habe. Dann fiel mir ein, dass ich vielleicht mal fragen sollte, warum das nicht geht. Daraus ergab sich der folgende Dialog:

"Weil das mit einer auslaendischen Kreditkarte bezahlt wurde." Problem schon wieder erledigt.
"Und???" - "Dann geht das nicht."
"Warum nicht?" - "Es geht eben nicht. Das ist so."
"Mir wurde das aber extra so empfohlen." - "Das geht aber nicht, wegen dem Ausland. Das muss man in Deutschland machen." Aha, da waeren wir schon einen Schritt weiter.
"Wie soll ich das jetzt in Deutschland machen? Ich bin ja hier." - "Das muss man von Deutschland aus machen."
"Und wie mache ich das?" - "Ja von Deutschland aus." Langsam fange ich an, aus den Ohren zu rauchen.
"ICH BIN ABER IN CHIIIIILE!!!" - "Dann muss man eine Mail schreiben." Ich frage mich, ob die Frau in Trance ist, denn sie verzieht keine Mine. Aha. Eine Mail.
"An wen denn?" - "An den Zustaendigen Iberia-Menschen in Duesseldorf." Juhu, eine Antwort!!!

Nach einer laengeren Diskussion, ob das nun zu Iberia muss, oder zu der Agentur wo ich das Ticket gekauft habe, hat die gute Frau tatsaechlich eine Email nach Duesseldorf geschickt und den dortigen Iberia-Menschen gefragt, was jetzt zu tun ist. Dieser hat mir dann geschrieben, dass ich mein Ticket per interner Post nach Duesseldorf schicken soll, worauf hin ich wieder zu Iberia musste, damit mein Ticket mit der Wekspost rausgeht. Das ging reibungslos, ich glaube die Frau hat gelernt, dass ich schneller wieder gehe, wenn sie mir hilft.

Von Iberia aus bin ich direkt zur GTZ gefahren, weil der Chef mich nochmal sprechen wollte und um mein Zertifikat abzuholen, dass ich da arbeiten werde. Das braucht man, um ein Visum zu beantragen, denn man muss ja schliesslich einen Grund haben, im Land zu sein. Mit dem Wisch und allem, aber auch wirklich allem anderen (Fotos, die im richtigen Format und in Farbe zu kriegen eine aehnlich lange Geschichte wie die von Iberia war, ich war glaube ich viermal beim Fotoladen; Kopien von Pass und Touristenvisum und allen Originalen) bin ich dann am naechsten Morgen ins Auslaenderamt. Dort fangen sie um neun Uhr an zu bedienen, ich war um acht Uhr da. Um halb acht fangen sie an, Nummern zu vergeben und als ich ankam waren schon ca. 50 Leute vor mir in der Schlange, plus diejenigen, die schon ihre Nummer hatten, weil sie wahrscheinlich vor der Tuer geschlafen hatten. Ausser zwei, drei Blonden waren die anderen fast alle Peruaner oder Bolivianer, die gekommen waren um sich zu legalisieren (also: Strafe zu zahlen), damit sie zum Jahreswechsel ausreisen koennen. Als ich dran war, hatte die Sachbearbeiterin eine verdaechtige Aehnlichkeit mit der Iberia-Frau und meine Befuerchtungen waren berechtigt: Sie hoerte sich halb schlafend an, was ich zu sagen hatte, schaute sich keine meiner Sachen an, sonden gab mir wortlos ein Formular. Darauf klebte sie ein Post-it und schrieb darauf, dass das Zertifikat nur gilt, wenn es von beiden Seiten vor einem Notar unterschrieben ist. Problem schon wieder erledigt. Ich war fassungslos, denn ich hatte alles gemacht, was im Internet gefordet wurde, aber von Notar stand da nichts. Sie meinte nur, Praktikantenvereinbarungen fallen unter keinen der vorgesehenen Faelle und deswegen "geht das nicht". Toll. Immerhin kann ich, wenn ich einmal beim Notar war und alles habe, die Sachen mit der Post schicken und muss nicht mehr Schlange stehen.

Und die Sache mit dem Notar ist eine andere Geschichte, wie das funktioniert, erfahrt ihr nach der naechsten Maus.

Weihnachten in Chile

Soooooo...nachdem ich den Blogg straeflich lange vernachlaessigt habe und schon so viele nachgefragt haben wie es denn an Weihnachten war, komme ich heute endlich mal wieder dazu ein bisschen was zu schreiben. Warum das so lange gedauert hat erfahrt ihr in den naechsten Posts, immer schoen der Reihe nach.

Dass Weihnachten hier nicht besonders weihnachtlich ist, hab ich ja schon mal erwaehnt. Man bemerkt es hauptsaechlich an der Musik auf denStrassen, dem Plastiktannenschmuck und der Werbung. Das besondere an der Werbung ist, dass sie verspricht, man koenne tolle Weihnachtsgeschenke jetzt kaufen und erst im Maerz in Raten bezahlen. Was nciht gesagt wird ist, dass man auf den Zinsen haengt, im Maerz auch nciht mehr Geld hat und naechstes Jahr Weihnachten noch nicht die Geschenke von diesem Jahr abbezahlt hat. Das ist wirklich ein Problem.

Was ich eine sehr schoene Aktion finde ist "Die Post hilft dem Weihnachtsmann": Kinder aus den armen Vierteln Santiagos schreiben einen Brief mit ihren wuenschen an den Weihnachtsmann. Die Briefe werden in der Zentralen Post gesammelt und jeder kann hingehen und die Briefe lesen. Man sucht sich einen Brief aus, kauft die Geschenke ein und die Post schickt die umsonst an das Kind. Seba hatte keine Zeit mit mir dahin zu gehen weil die Post um 7 Uhr zumacht (praktisch, dass wir quasi daneben wohnen). Aber er hat mich beauftragt, ein Kind zu suchen, dass sich einen Fussball wuenscht. Das Problem ist, dass diese Kinder wirklich an den Weihnachtsmann als Erfueller all ihrer unerreichbaren Traeume glauben. Deswegen stand in vielen Briefen ein Fahrrad oder ein Computer, nicht ganz unser Budget. Oder das betreffende Kind schreibt die Wuensche seiner acht Geschwister gleich mit auf. Manche Briefe sind auch echt krass, da wuenschen sie sich ein Weihnachtsessen oder Schuhe fuer den Vater, der den ganzen Tag durch die Stadt laeuft und Eis verkauft oder dass jemand die Stromrechnung der Oma bezahlt. Um fuenf vor sieben habe ich dann einen netten Brief von einem Jungen gefunden, der sich einen Fussball und was zum Anziehen fuer sich und eine Puppe fuer seine kleine Schwester wuenschte. Das war drin und es hat wirklich Spass gemacht, das zu kaufen.

Wir haben versucht, so viel Weihnachtsstimmung wie moeglich hinzukriegen, wenn es auch schwer war. Am Freitag vor Heiligabend gab es auf dem grossen Paltz bei uns um die Ecke das Ballett "Der Nussknacker" zu sehen, sogar ganz umsonst. Das war superschoen und im Abendlicht sah auch die Innenstadt gut aus. Ich habe zum ersten Mal gedacht, dass es auch sein Gutes hat, im Zentrum zu wohnen. Man ist halt immer mit der Nase dabei.

Die naechste Herausforderung war: Plaetzchen backen. Da Sebastiáns Mama zu seinem Bruder in den Sueden gefahren war, habe ich versprochen, das zu uebernehmen. Keine leichte Aufgabe, denn Sebas Mama hat das jahrelang professionell gemacht: Plaetzchen und Kuchen nach deutschen Rezepten gebacken und verkauft. Der erste Deampfer kam dann auch schon im Supermarkt, da ich die Haelfte der Zutaten nicht finden konnte: Saure Sahne ist unbekannt, Backpapier auch, Schoko-Kuvertuere gab es nur im Kilopack und das Mehl verkaufen sie teilweise mit dem Backpulver schon drin, da muss man hoellisch aufpassen. Ich sah nach drei Supermaerkten meine Platzchen schon ins Wasser fallen, da sind wir am naechsten Tag dann doch noch extra mit dem Auto in den Jumbo gefahren. Jumbo ist ein gigantischer Supermarkt, wo es einfach alles gibt, vor allem deutsche Produkte. So auch saure Sahne und Backpapier, sogar mit dem Importstempel aus Deutschland. Weil im Jumbo aber nur die Leute mit dem dicken Portemonaie einkaufen gehen, sind die Peise dementsprechend und vor allem sind die Filialen meist nicht mit oeffentlichn Verkehrsmitteln zu erreichen. Die Jumbo-Kunden fahren Auto. Nunja, die Plaetzchen waren gerettet und so habe ich mich am Tag vo Heiligabend bei ueber 30 Grad Aussentemperatur in der Kueche breitgemacht. Am Ende war es dann doch noch eine Gemeinschaftsproduktion: Ich habe Zimtbrezeln gebacken, Sebas Papa hat einen prima Zitronen-Zuckerguss gezaubert und die Nichten Isi und Cata (7 und 13) haben mit wachsender Begeisterung die Ausstechplaetzchen sehr kreativ angemalt. Ach ja, lecker waren sie auch und ziemlich schnell weg...ich wuerde sagen, ein voller Erfolg.

Heiligabend hat Sebas Schwester Susana damit verbracht was leckeres zu brutzeln waehrend Seba Diplomarbeit gemacht hat, sein Vater Holzbote geschnitzt hat um sie an Touristen zu verkaufen und ich mich mit den Kiddies im Planschbecken getummelt habe. SELTSAM!!! Am Abend gab es dann ein Weihnachtsessen mit Tannenbaum und Weihnachtsmusik aber laengst kein Vergleich mit Deutschland... Seba meint das liegt auch daran, dass seine Schwester da nicht so viel von weg hat. Danach sind wir in die Weihnachtsmesse gegangen bzw. mit dem Linienbus gefahren. Da war gerade erst die Sonne untergegangen, weil es hier die kuezeste Nacht des Jahres ist. Ich war ganz gespannt und am Anfang sah es auch vielversprechend aus, mit einer Art Krippenspuiel vorher. Dann kam der Pastor mit einer Jesuskind- Figur durch den Mittelgang und es wurde ein Weihnachtslied gesungen, dass ich in der Schule in spanisch gelernt habe... jaja, es lebe die Bildung! Das Problem war der Chor. Der bestand aus Leuten zwischen 6 und 20 Jahren, die zwar begeistert, aber schrecklich schief gesungen haben. Ueberhaupt bestand der Grossteil der Messe aus dem Singen von Weihnachtsliedern und noch eins und noch eins und manche auch doppelt. Der Pastor hat relativ wenig gesagt und das war nicht sehr gehaltvoll, kam aber von Herzen. Nunja. Vielleicht waeren wie lieber in die Kathedrale gegangen. Als wir zurueck kamen war der Weihnachtsmann schon da gewesen. Ups, da haetten Seba und ich fast noch eine Kinderwelt zerstoert: Isi glaubt noch an den Weihnachtsmann. Als wir am 23. 12. ankamen, kam sie angelaufen um uns schon auf der Strasse zu begruessen und wir hatten eine ganze Tuete voller Paeckchen mit. Sie hat nur geguckt und nichts gesagt, aber hinter der Stirn konnte man es rattern sehen. Wir haben dann gesagt, dass wegen der Zeitverschiebung der Weihnachtsmann zu den Deutschen zuerst kommt und er uns gesagt hat, wir sollen die Geschenke mitnehmen. Ok, das ist fadenscheinig, aber fuer dieses Jahr hat es gereicht.

Einen zweiten Feiertag gibt es in Chile nicht, deswegen muessen alle den ersten Weihnachtstag mindestens zu Haelfte dazu nutzen mit dem Bus wieder dahin zu fahren woher sie gekommmen sind, denn hier wohnen fast alle Familien irgendwie verstreut. Im Buss habe ich dann einen Heimwehanfall bekommen, weil das einfach so entgegen allem war, was ich mit Weihnachten verbinde. Dafuer haben wir es uns dann in Santiago noch mal nett gemacht: unsere Pflanze wurde gekonnt mit Teelichtern umgeben und mittels des Stiefels, den mir der hier nciht vorhandene Nikolaus dann am Nikolausabend doch noch gebracht hat (Seba ist echt suess) zum Weihnachtsbaum erklaert. Paeckchen drunter, schick machen, Mozart an, Wunderkerze an und fertig. Sehr behelfsmaessig aber um so romantischer.

Fazit: Weihnachten und die Zeit davor verbringt man lieber in Deutschland.