jueves, 22 de marzo de 2007

Die eigenen Grenzen


Den Satz "Ich kann nicht mehr" habe ich, zumindest was physische Anstrengungen angeht, vorlaeufig aus meinem Wortschatz gestrichen. Das ist jetzt auch schon wieder drei Wochen her und kam so:

Ein (chilenischer) Freund von Seba, den er beim Austausch in Aachen kennen gelernt hat (obwohl beide aus Puerto Montt kommen), hat sich in Aachen eine Schweizer Freundin (Dani) angelacht, mit der er immer noch zusammen ist. Die ist gerade zu Besuch und dieses Wochenende wird der Freund (Gustavo) mit ihr in die Schweiz fliegen und da bleiben. Und weil er dann die Anden gegen die Alpen austauschen muss und deswegen nicht mehr weit über 4000m kommen kann, aber ein begeisterter Bergsteiger ist, wollte Gustavo eine Abschiedsbergtour machen und hat uns dazu eingeladen. Er wollte vor seiner Abreise noch auf den Cerro Plomo, den mit ca. 5400m höchsten Berg der Region Santiago, steigen. Also haben wir uns erstmal getroffen um die Tour zu planen, die an nur einem Wochenende schon ziemlich krass werden wuerde. Gustavo wollte auf den Gipfel steigen (mit Eispickel und so weiter) und als gemeinsames Gruppenziel haben wir die Ankunft im Basislager (4300m) definiert. Von da aus jeder, wie er meint. Ich dachte, Mensch, wenn Du schon so nah dran bist, kannst du auch gleich bis oben... das sollte sich aber als fataler Irrtum erweisen, denn ich bin und bleibe doch Niederrheiner...



Freitags abends sind wir zu viert mit Sack und Pack mit Gustavos Auto Richtung Anden gedüst, immer hoeher und hoeher, bis zu einem Punkt, wo wir das Auto stehen lassen mussten, um zu Fuss zum ersten Zeltplatz zu gehen. Dabei ist der Zeltplatz einfach ein Platz, wo man zeltet, wo es auf Grund des eben Bodens moeglich ist, ein Zelt aufzustellen. Hat mit Zeltplatz nichts zu tun, Wasser kommt aus den Bergen und das Klo ist jeweils hinter dem groessten Felsbrocken. Als wir am Parkplatz (3450m) ankamen, war es leider schon dunkel, so dass wir nur mit Mondlicht und nachher, als der Mond weg war, mit Taschenlampe gehen mussten. Und das auf einem ca. 50cm breiten Trampelpfad mitten durch die Anden und auch mal durch nen Bach. Immerhin weiss ich jetzt, dass Karl May zumindest in dem Punkt nicht gelogen hat und man bei Vollmond verdammt gut sehen kann.Trotzdem ist mir im Nachhinein noch anders geworden, als ich den Weg im Hellen gesehen habe...


Nach knapp zwei Stunden kamen wir dann an den ersten Zeltplatz (3150m) in einem Tal und haben nur noch Zelte aufgebaut, ein Brötchen reingeschoben, uns ins Bett gelegt...und erbärmlich gefroren. Dazu kam, dass man beim Umdrehen, was im Schlafsack ja nicht so einfach ist, gemerkt hat, dass die Luft schon duenn war: Man schnappt und schnappt nach Luft und es kommt irgendwie nix in die Lunge.
Am naechsten Morgen haben wir erstmal gesehen, dass wir nicht alleine waren, es gab noch andere Zelte, Kühe, und Pferde (weiss der Kuckuck, wie die von den drei Grashalmen da leben). Und das Beste: Wir hatten das Ziel jetzt vor Augen. Sah gar nicht so weit aus, laut Informationen auf einer Trecking-Seite 4-6 Stunden zu Fuss.


Ok, also los. Oje, nach ein paar hundert Metern wollte ich schon das erste Mal sagen, "ich kann nicht mehr" und der Berg kam gar nicht naeher. Irgendwann kamen Kopfschmerzen dazu und der Rucksack wurde schwerer, aber die Fuesse liefen immer weiter. Komischerweise hatten wir gar keinen Hunger und so gab es auch keine Hoffnung auf einen leichteren Rucksack. Ich weiss nicht, wie oft ich mich gefragt habe, warum man auf die Idee kommt, sowas freiwillig zu machen und das auch noch Freizeitbeschaeftigung zu nennen. Noch dazu ist es so weit oben nichtmal besonders schön, denn es wächst absolut nichts und wo kein Schnee ist, sind nur Steine und es sieht aus wie auf dem Mond. Langsam habe ich auch bereut, vorher so grosse Töne gespuckt zu haben, von wegen "Wenn man schon mal so nah dran ist..." und verzweifelt versucht, nicht den Anschluss zu verlieren, obwohl die anderen schon öfters gewartet haben. Jaja, man muss halt mal das schwächste Glied in der Kette sein, um etwas bescheidener zu werden. Eigentlich war die Strecke nicht weit und 6 Stunden zu wandern ist auch nicht so das Ding, aber es ging halt immer bergauf. Über die "ich-kann-nicht-mehr-Phase" war ich irgendwann hinaus, weil ich nämlich gemerkt habe, dass man eigentlich doch immer noch weiter kann, man muss nur den Schweinehund überwinden und weitermachen. Das Basislager, in wo wir schlafen wollten (wieder nur eine ebene Steinflaeche) war bei 4300 Metern in einem Gebirgskessel. Das heisst, am Ende ging es nochmal 150m steil bergauf, um über den Kesselrand zu kommen. Auf dem oberen Foto ist das der kleine Hügel links neben den grossen Gletscher. Davor gab es aber eine kleine Hochebene, auf der viele Zelte standen. Ich wäre fast vor Erleichterung geplatzt, denn die letzten 200m hatte ich schon mit den Tränen gekämpft. Dann sagten mir die anderen, das sei nicht unser Basislager und zeigten auf den oberen Kesselrand. Oh nein!!! Ich wollte lieber unten campen, aber es stand drei gegen eins. Also noch mal das Letzte mobilisieren. Ich habe mich noch nie im Leben so seltsam gefühlt, denn ich habe meinen ganzen Körper nicht mehr gespuert. Normalerweise, wenn man nicht mehr kann, kann man es auf ein Körperteil schieben, oder auf den Rucksack oder darauf, dass irgendwas weh tut. Aber da war nichts dergleichen. Der Rucksack nicht mehr zu merken, kein Schmerz, keine Muedigkeit, nichts. Nur einfach das Gefuehl, dass alle Grenze ueberschritten sind. Nach ein paar Schritten Richtung Kessel war ich schon weit zurueck. Die Jungs haben mir unter Protest den Rucksack abgenommen, damit ich ohne schneller weiterkomme. aber es lag nicht am Rucksack. Nach weiteren 20m ohne Rucksack wusste ich genau, dass ich fuer nichts in der Welt mehr einen Schritt weiter gehen KANN, auch wenn ich will (ich wollte ja). Bin stehengeblieben und habe vor Erschöpfung geheult wie ein Schlosshund.

Ich schreibe das alles so genau, weil mir sowas noch nie im Leben untergekommen ist, nicht beim Fahrrad fahren, nicht beim Wandern, Zirkeltraining und auch nicht beim Klettern. Da haette ich noch gekonnt, war aber meistens zu faul. Ich fand die Vorstellung, jetzt wirklich meine eigenen Grenzen zu kennen einerseits fürchterlich, weil die anderen alle noch konnten und andererseits wunderbar, weil das Gefuehl, oder besser gesagt, Nicht-Gefuehl so einzigartig ist. Weil ich nun wirklich nicht mehr weiter zu bewegen war, haben wir unten auf "nur" 4150m gezeltet und das war gut so, denn wie sich nachher herausstellte, was das das eigentliche Basislager, wo es auch Wasser gab und weiter oben war nur ein einzelnes Zelt und es war noch viel windiger. Wir haben dann unsere wohlverdienten Spaghetti gekocht und viel Tee, und sind dann schleunigst im Zelt verschwunden, denn sobald die Sonne da oben Weg ist und der Wind pfeifft, gibt es Temperaturen um die Null Grad (zumindest ist der Bergbach ueber Nacht eingefroren). Dafür wird man tagsüber erbarmungslos gegrillt.

Gustavo wollte sich um 3 Uhr nachts Richtung Gipfel aufmachen, um morgens zurueck zu sein und auch weil nachmittags da oben immer Wolken aufziehen und es dann gefaerhlich werden kann. Seba und ich waren am Abend etwas hoehenkrank und mussten erstmal Paracetamol nehmen. Seba hat sich dann frueh am Morgen doch noch aufgerafft und hat es bis auf 4600m geschafft...und das mit der schlechtesten Ausruestung von allen! Dani und ich wollten später wenigstens bin zum Kessel steigen, aber im Endeffekt habe ich das Lager gehuetet, denn mir war immer noch schwummrig und allein die Vorstellung diesen steilen Weg hochzulaufen, hat mir fast den Magen umgedreht.

Immerhin habe ich was gelernt: Man kann weiter, als man denkt. Irgendwann kann man trotzdem nicht mehr und: Bei Sachen, von denen man keine Ahnung hat, sollte man einfach mal die Klappe halten und keine grossen Töne spucken.

Als alle wieder heile im Lager waren, haben wir uns auf den Rueckweg gemacht, wobei runter nicht viel leichter ist als rauf, weil es total auf die Knie geht. Am Ende habe ich mich sowas von auf Santiago gefreut...man lernt doch zu schaetzen, was man hat.

Natürlich haben wir da oben schöne Fotos geschossen, die findet ihr hier.
Ach ja: Ich würde jederzeit wieder eine Bergtour machen. Der Mensch ist schon ein verrücktes Tier.