martes, 3 de abril de 2007

Marzitis

Marzitis ist eine schlimme Krankheit, die viele Chilenen jedes Jahr im März befällt (daher auch der Name).
Die Symptome haben je nach persönlicher Lebenssituation des Einzelnen unterschiedlich starke Ausmasse:
  • Ein bisschen klammer als sonst
  • Chronisch leeres Portemonaie, keinerlei Spass und Luxus im März
  • Familienkrach auf Grund von leeren Konten und Schulden
  • Depressionen
  • Ernsthafte Existenzsorgen
  • Schuldenfalle
  • In Extremfällen Selbstmord

Die Ursachen dieser Seuche sind vielfältig und häufig nicht nur bei der bösen bösen Welt zu suchen, aber vor allem da: Erstens fängt im März die Schule wieder an, was bedeutet, dass die Kinder Schulsachen brauchen, eventuell muss Schulgeld gezahlt werden, bei älterem Nachwuchs sind die Studiengebühren fällig und die Kinder brauchen Schuluniformen. Das mag sich für unsere Ohren nicht so schlimm anhören, aber dem chilenischen Arbeiterhaushalt mit 2-3 Kindern macht das schon extrem zu schaffen. Schuluniformen für drei Kinder können schon mal einen halben bis einen Monatslohn ausmachen, von Material reden wir gar nicht.

Zweitens muss man ausgerechtnet im März die so genannte Fahrerlaubnis bezahlen. Das ist nämlich hier so, dass man nicht regelmässig Kfz-Steuern bezahlt, sondern einmal im Jahr sein Kennzeichen erneuern lassen muss. Das kostet je nach Autogrösse. Dieses Problem trifft eher die Mittelschicht und vor allem die untere Mittelschicht, die sich so grade eben ein Auto leisten kann, oder auch nicht. Die ärmeren Leute haben entweder sowieso kein Auto...oder sie sind durch den Besitz eines Autos so verschuldet, dass es auf die Plakette auch nicht mehr ankommt.

Damit kommen wir zum eigentlichen Problem: Ein grosser Teil der Chilenen ist bis über beide Ohren verschuldet. Das widerum liegt daran, dass es hier unglaublich einfach ist, an Kredite zu kommen. Nicht bei der Bank, nein, aber überall wo man was kaufen kann. Ich habe noch nie im Leben so agressive Werbung für Leben auf Pump gesehen, ich würde mal sagen, die Hälfte der Fernsehwerbung geht für Kredite drauf. Da sehen dann die Leute Dinge, die sie sich nicht leisten können und jemand Nettes kommt und erzählt ihnen wie einfach es auch für sie jetzt ist durch eine Kundenkarte, Kauf auf Raten (sogar Klamotten und Essen kann man auf Raten kaufen) oder Sofortkredite am Konsum der Reichen und Schönen teilzuhaben; man muss einfach nur um Geld bitten und schon fliesst es. Das an sich lässt sich ja noch vertreten, sollte man meinen, denn die Leute sind ja erwachsen und informiert genug, um zu wissen, was sie kaufen können und was nicht. Weit gefehlt, denn wenn der alte Pinochet eins geschafft hat, dann seine Leute dumm zu halten. Eine Informationskultur steckt hier noch in den Kinderschuhen, eine neue Generation (die Pinguine) fängt gerade erst wieder an, die Dinge zu hinterfragen und Bücher sind immer noch Mangelware. So fallen gerade die Leute, die es sich am wenigsten erlauben können (die "bildungsfernen Schichten" würde man in Deutschland sagen) kritiklos auf die Kundenjäger herein, ohne zu wissen dass das Ganze mit Zinsen und Provisionen einhergeht, die sich gewaschen haben. Dazu kommen die attraktiven Punktesammel-Programme, bei denen man für soundsoviel Punkte ein Extraprodukt geschenkt bekommt usw. Schön und gut, aber hier trifft das Ganze auf eine völlig unvorbereitete Bevölkerung, die im Moment dabei ist, konsumtechnisch viele Jahre viel zu schnell nachzuholen und absolut anfällig für jede Art der Werbung ist.

Ein ganz grosses Problem sind in diesem Zusammenhang die Weihnachtsgeschenke: Man kauft sie auf Raten und die Raten fangen erst im März an zu laufen...das ist von Weihnachten aus weit weg und man kann ja so tolle Sachen kaufen und dann ist man ja auch wer. Die teuren Sachen kann man 36 Monate abstottern...dann gab es aber schon wieder zwei neue Weihnachten, die teuer werden...so weit denken aber viele erst, wenn der März da ist. Und dann kriegen sie Marzitis. Und das tut weh!

Das Problem ist natürlich landesweit bekannt, auch bei den Kreditgebern. Die bieten wahnsinnig günstige Kredite an, damit die Leute über den März kommen. Und die Kaufhausketten kassieren für im März gekaufte Sachen erst im Mai, damit sie nicht auch darunter leiden. Und die Leute sind verzweifelt oder dumm genug, das auch noch mitzumachen. Und wenn sie nicht sehr aufpassen, weitet sich die Marzitis zu einem nicht operablen Tumor aus und geht in Ganzjahresitis über.