- Man geht joggen. Wenn man da nicht seeeehr frueh aufsteht, kriegt man dabei die ganzen Abgase des Berufsverkehrs zielgenau in die Lunge geblasen. Ausserdem war joggen noch nie so mein Ding.
- Man hat das Geld, um sich in einem Tennisclub oder Fitness-Studio anzumelden. Der Eintritt in ein Schwimmbad betraegt nebenbei bemerkt acht bis zehn Euro, schliesslich soll ja nicht Hinz und Kunz das Becken belagern.
- Man kauft sich einen Fussball oder ein Beach-Ball-Spiel und geht damit in einen Park. Das haben wir schon gemacht.
- Man investiert in ein Fahrrad.
Wir haben also in ein zweites Fahhrad investiert, damit ich nicht immer das des Nachbarn nehmen muss. Mit dem Rad kann man prima auf den Cerro San Cristobal fahren (siehe Eintrag "Santiago de Chile"), das ist schon eine Herausforderung fuer so einen Niederrheiner wie mich, aber durchaus machbar.
Ich habe allerdings beschlossen, mich taeglich zu bewegen und das geht am besten, wenn ich "einfach" mit dem Rad zur Arbeit fahre. Ich habe auch ausgerechnet, dass ich so, weil ich nicht mit der Metro fahre, fast genau das Geld spare, was ein Fitness-Studio mit Schwimmbad im Monat kostet. Gesagt, getan, die Krise gekriegt. Man muss wissen, dass fuer den Otto-Normal-Chilenen ein Fahrrad entweder ein Kinderspielzeug oder ein Sportgeraet, aber keinesfalls ein Fortbewegungsmittel ist. Das schlaegt sich zunaechst mal darin nieder, dass man nur Mountainbikes, Kinderraeder und mit viel Glueck noch Rennraeder kaufen kann. Alle serienmaessig OHNE: Klingel, Schutzblech, Licht und Gepaecktraeger. Hauptsache, es hat dicke Reifen und viele Gaenge. Man kann ein Fahrrad allerdings auch schlecht als Transportmittel, z.B. zum Einkaufen verwenden, denn abgesehen davon, dass es selbstverstaendlich in ganz Santiago nicht einen oeffentlichen Fahrradstaender gibt, wird ein herrenlos vor dem Supermarkt stehendes Fahrrad sofort von wohlmeinenden Mitmenschen in ihre Obhut genommen, sprich: geklaut.
Das groesste Problem liegt aber darin, dass man in Santiago bzw. in Chile generell Fahrradwege meist vergeblich sucht und auf der Strasse zu fahren einem Selbstmordversuch recht nahe kommt. Man soll es nicht glauben, aber Frisur hin, Frisur her, ich habe mir erstmal einen Fahrradhelm zugelegt und trage ihn auch fleissig, wer haette das in der 7. Klasse gedacht ;-) Ich habe das Glueck, dass ganz bei uns in der Naehe eine lange Reihe Parks beginnt, die sich zwischen den zwei Richtungen einer Hauptverkehrsachse ueber mehrere Stadtviertel hinziehen. Ich kann also ziemlich weit durch die Parks radeln. Fuer den Rest der Strecke habe ich mir eine Strasse rausgesucht, auf der morgens nur wenige Leute unterwegs sind und fahre eben ganz dreist auf dem Buergersteig, aber das machen viele so. Anders kommt man als Radfahrer hier zu nix.
Ausser den Autos, die einen totfahren wollen oder das zumindest in Kauf nehmen, um nicht bremsen zu muessen, gibt es noch das Problem, dass es nur ganz sporadisch mal abgesenkte Buergersteige gibt und die dann noch mit Fussgaengern vollgestopft sind, die vor einer Ampel warten. Die Fussgaenger hier haben nicht das allergeringste Verstaendnis dafuer, dass es Mitmenschen geben koennte, die gerne Rad fahren und tun ihr moeglichstes um sich breit zu machen, langsam zu gehen die am besten befahrbaren Stellen zu belagern und einen bei jeder Gelegenheit boese anzugucken oder anzumotzen. Das Schlimmste ist, dass die Fussgaenger morgens zu glauben scheinen, sie seien ganz alleine auf der Welt: Jeder troedelt in seinem Trott vor sich hin, alleine oder in Gruppen, keiner guckt links oder rechts, sondern entweder zum Gespraechspartner oder irgendwo in die Luft oder in die Zeitung. Man naehert sich mit dem Rad und denkt: "Der muss mich sehen, der muss mich sehen, ich bin bunt, ich bewege mich, ich bin gross..." Komplette Fehlanzeige. Im letzten Augenblick bemerkt einen der Fussgaenger, macht einen unberechenbaren Sprung oder bleibt einfach wie angewurzelt stehen. Eine Sache habe ich mir also bei den anderen Radfahrern hier abgeschaut: Absolute Ruecksichtslosigkeit. Wenn man die nicht hat, kann man gleich schieben, denn Santiago wimmelt morgens nur so von Fussgaengern und Autos und man kommt auf keinen gruenen Zweig, wenn man sich nicht vordraengelt.
Ich habe mich jedenfalls dran gewoehnt und bewege mich jezt jeden morgen eine halbe Stunde hin und eine halbe Stunde zurueck per Fahrrad. In einer deutschen Stadt wuerde man die gleiche Strecke in der halben Zeit schaffen, aber egal, mit der Metro ist man auch nicht schneller und schwitzen tut man genau so, weil es morgens zwischen acht und neun keinen nennenswerten Unterschied zwischen der Metro und einer Sardinenbuechse gibt.
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