jueves, 15 de marzo de 2007

Auf ewig gestapelt

Vor ein paar Wochen, am Wochenende, habe ich Seba mal mit seiner Diplomarbeit alleine gelassen und mit einem Nachbarn und Freund (Felipe) einen Fahrradausflug an einen etwas ungewöhnlichen Ort gemacht: Auf den Zentralfriedhof von Santiago. Ich hatte ja schon das Vergnügen auf einem guatemaltekischen Friedhof und aus spanischen Filmen kannte ich die dortige Bestattungsart und so war der Kulturschock nicht ganz so gross. Ich sage: Nicht ganz so gross, denn gewöhnungsbedürftig war der Friedhof hier dann doch und das ist ganz bestimmt nicht der erste Ort der Wahl an dem ich einst bestattet werden möchte. Wo wir bei Guatemala und spanien waren: Der hier war so eine Mischung aus beiden. Von den Spaniern haben sie auf jeden Fall das Stapeln. Ist ja eigentlich auch logisch: Viele Leute leben in Santiago gestapelt, sprich in Hochhäusern. Wenn man tot ist, wird man halt auch gestapelt. Das spart Platz, Blumen und Arbeit. Aber ob das schön ist?

Etwas weiter hinten auf dem Friedhof stossen wir auf die älteren Gräber, so ab 200 Jahre alt würde ich tippen. Das sind riesige Gruften. Einige mit grossen Toren davor, andere mit Kellereingängen, die sogar offen waren. Da haben wir uns aber nicht reingetraut. Diese Gruften sind entweder von sehr reichen alten Familien, teilweise von ehemaligen Präsidenten, Nationalhelden aus dem Unabhängigkeitskampf... oder aber von Gewerkschaften. Diese sind dann nicht so alt, aber dafür noch grösser. Es gibt z.B. jeweils eine Gruft der Vereinigten Zeitungsausträger, Milchmänner, Feuerwehr, Metzger, Journalisten und so weiter. Die unterscheiden sich von einer normalen Grabwand dadurch, dass sie begehbar sind, ein Tor und teilweise einen Innenhof haben und vergleichsweise gut in Schuss sind.



Wenn man ein Nationalheld war, dann kriegt man so ein tolles Monument gesetzt. Dafür sind Nationalhelden meistens nicht an Altersschwäche gestorben...

Auf der anderen Seite gibt es wiederum Gräberfelder, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem haben, was wir kennen. Allerdings fällt dabei auf, dass alle verdammt schlecht in Stand gehalten sind. Es sind zwar über und über Blumen, Fahnen vom Fussballclub, Kuscheltiere, Privatsachen und Fotos drauf, aber auch schon nach wenigen Jahren die Randsteine nach innen gekippt, die Deckel eingefallen und es gibt grosse offene Löcher, in die ich lieber nicht so genau reinschauen wollte...dann vielleicht doch lieber die Einmauermethode... Ausserdem sind die alle so dicht aneinander, dass man dazwischen höchstens auf Zehenspitzen laufen kann. Soweit ich das gesehen habe, gibt es auch sehr selten Blumenbepflanzung. Entweder stellen die Leute Vasen hin, oder künstliche Blumen. Damit die Blumen in den Vasen nicht so schnell verwelken, spannen sich über vielen Gräbern abenteuerliche Dachkonstruktionen. Jeder baut und stellt halt hin, was er will, was er schön findet und was praktisch und billig ist. Ob das zusammenpasst, ist völlig egal. So spiegelt sich Santiago in seinem Friedhof.

Felipe war die ganze Zeit auf der Suche nach den Grab von Victor Jara. Victor Jara war ein kommunistischer Liedermacher, der auch heute noch, auch unter Nicht-Kommunisten, sehr beliebt ist (ich kenne seine Lieder auch schon auswendig). Victor Jara wurde ein paar Tage nach Pinochets Putsch mit vielen anderen im Fussballstadion von Santiago erschossen, wohin die Putschisten alle kommunismusverdächtigen verschleppt hatten. Weil er so eine Art Heldenstatus hat, dachten wir, wir würden ein riesiges Denkmal vorfinden. Pustekuchen. Auf die Frage, wo das denn nun sei, wurden wir an die hinterletzte Mauer geschickt. Auf dem Weg dahin kamen wir über ein paar besonders trostlose Felder: Keine Namen, nur eine Menge verbogener, verrosteter Kreuze, teilweise Löcher, keine eigenen Blumen. Auf einem Feld hatte jemand an ca. 200 Kreuzen je eine Plastikrose befestigt. Felipe meinte, das müsste das Feld der Verschwundenen sein. Ob da wirklich Leute begraben sind oder einfach nur symbolisch Kreuze aufgestellt wurden für die, die man nie gefunden hat, weiss ich nicht. Dahinter, in der letzten Mauer, finden wir endlich Victor Jara. Von wegen Denkmal. Sein "Loch" ist immerhin rot angemalt und hat die meisten Blumen. Ausserdem gibt es ein Hinweisschild auf eine besondere Persönlichkeit, wo kurz die Geschichte aufgeführt ist. Das Unheimliche an der letzten Wand, und deswegen ist es wahrscheinlich auch die letzte und so gut versteckt, ist, dass alle Todesdaten aus der gleichen Woche stammen: Mitte September 1973. Am 11.09.1973 war der Putsch. Deswegen hat der elfte September hier eine ganz andere Bedeutung, niemand denkt dabei an New York. In dieser Wand finden sich also die wieder, die nicht genehm waren, oder zur falschen Zeit mit den falschen Leuten am falschen Ort, oder nicht gut genug versteckt.


Ach ja... man kann übrigens auf dem Friedhof ohne Probleme Eis, Lotterielose und kalte Getränke kaufen...nur keine Blumen, die kauft man am Eingang.


1 comentario:

Unknown dijo...

Das erinnert mich an meinen Spanienurlaub, da lagen die auch gestapelt in Wänden begraben. Aber wie will man in so nem felsigen Boden auch vernünftig tief graben?
Interessante Bilder, meld dich mal wieder....hab letzt versucht anzurufen aber keiner war zu Haus :(.
Ganz liebe Grüße!!!