Das neue Jahr hat bei mir gaaanz toll angefangen, nämlich damit, dass mich am ersten Wochenende des Jahres, welches wir eigentlich wandernderweise auf einem Berg verbringen wollten, der für "solche Länder" eigentlich längst überfällige Durchfall erwischt hat. Hier kriegt man sowas aber nicht, wie in Guatemala vom Leitungswasser, das kann man prima trinken, sondern von fragwürdig frittierten Sopaipillas oder vom Gemüse.
Die Chilenen waschen erst ihr Gemüse, bevor sie es dann schälen. Ich hatte immer gedacht eins von beiden reicht und da ich kein Freund von geschälten Sachen (Möhren, Tomaten, sogar Pfirsische!!!) bin, habe ich es dann beim Waschen belassen. Dazu muss man wissen (was ich natürlich nicht wusste), dass bis vor einiger Zeit die Felder hier mit Abwasser gewässert wurden und deswegen alles was in Bodennähe wächst ziemlich ekelig war. Deswegen gibt es hier sogar ein Lebensmittel-Desinfektionsmittel, das tut man in das Wasser, mit dem man das Gemüse wäscht. Fragt sich nur, ob das nicht auch schädlich ist. Nunja, also am besten waschen und schälen. Beides ist angebracht, weil man beim Schälen ja die Schale anfasst und wenn die fies ist packt man dann mit den fiesen Fingern das Innere an und kriegt trotzdem Durchfall.
Das wässern mit Abwasser ist heutzutage verboten, aber ab und zu macht es doch noch einer und da man nie wissen kann, welche Möhre es erwischt hat, muss man alle schälen. Habe ich natürlich nicht gemacht und bumms, konnte ich zwischen Klo und Bett pendeln, statt wandern zu gehen. Das guckt man sich eine Weile an, aber nach drei Tagen wurde uns das zu bunt weil garnichts mehr ging, also ab zum Arzt. Leider passiert sowas immer Sonntags, also konnten wir nicht zum normalen Arzt, sondern mussten ins Krankenhaus. Da es hier eine Deutsche Klinik gibt, sind wir dahin gefahren, keine Ahnung was für Vorteile ich mir davon versprochen habe, aber es klang irgendwie vertrauenerweckend.
Bei der Klinik angekommen, sind wir durch die Notaufnahme rein, aber nicht so dramatisch, denn wie ich erfahren habe, kommt in Chile jeder, der keinen festen Termin gemacht hat, als "urgencia" rein, auch wenn man nicht mit dem Kopf unter dem Arm kommt und noch etwas warten kann. Weil ich das nicht wusste, habe ich vorher zu Seba gesagt, ich will nicht als "urgencia" rein, so dramatisch ist Durchfall ja nun nicht, sondern ich will in die "ambulancia". Daraufhin hat er mich ziemlich verständnislos angeschaut und meinte das sei erstens total übertrieben und zweitens viel zu teuer. Ah, klar, "ambulanica" ist nicht "Ambulanz", sondern Krankenwagen...
Von aussen ist die Clínica Alemana einschüchternd schick. Von innen, da wo man behandelt wird, weniger. Da sah es ganz normal aus und ich wurde von einem sehr netten Arzt, dem Akzent nach aus Kolumbien oder Ecuador, behandelt. Jedenfalls war er weder Chilene noch Deutscher. Der hat mit erstmal Fieber gemessen und so weiter und mir dann eine Salzinfusion verabreicht, weil ich wohl schon eine leichte Ähnlichkeit mit Dörrobst an den Tag gelegt habe. Dann Antibiotikum verschrieben und, oh graus, er hat mir einen einwöchigen Diätplan aufgebrummt mit so leckeren Sachen wie Tee, Wasser, trockenem Brot, trockenem Reis, trockenen Nudeln und gekochten Möhren...ihr könnt euch das Wochenende danach vorstellen, als ich wieder alles essen durfte: Erstmal ab in die Eisdiele!!!
Nunja, die Clinica Alemana war ja ganz nett, aber es gab nichtmal ein digitales Fieberthermometer und dafür, dass da sonst so schick sein sollte fand ich das schon komisch. Ausserdem sind die Preise da ganz schön gesalzen und es liegt am AdW, so dass ich beschlossen habe beim nächsten Mal lieber in eine nähere Klinik zu gehen, wo man auch "geholfen kriegt". Deutsch konnte eh keiner von den Leuten die ich da gesehen habe.
Am nächsten Tag nach der Arbeit musste ich allerdings noch mal zur Kontrolle hin. Das war ganz lustig, denn der Arzt vom Sonntag hatte frei und die diensthabende Ärztin hat erstmal recht ratlos auf meinen Zettel geschaut...Vera ist nämlich in Chile ein Nachname und Neeten ganz unbekannt, so dass sie erstmal nicht wusste, ob jetzt ein Mann oder eine Frau kommt. Dann hat sie nicht gewusst, mit was sie mich anreden soll, denn in Chile wird man meistens beim Vornamen genannt, auch wenn man gesiezt wird. Sie hat dann recht unsicher Neeten und Du zu mir gesagt, was meinerseits zu einem für meinen Bauch nicht so guten Lachanfall geführt hat... ne, ist schon schwierig. Ich stelle mit das so vor, als wenn in Deutschland "Ping Il Su" oder so aus China zum Artz muss.
Auf der Rückfahrt habe ich mal wieder gemerkt, wie riesig Santiago ist: Ich hab mich zum ersten Mal getraut, alleine einen Bus auf der Strasse anzuhalten und sogar geschnallt, welchen ich nehmen muss. Das ist nicht so einfach, denn die Busse haben meist keine Nummern, sondern Schilder im Fenster, wo draufsteht, wo sie langfahren. Wenn man die Strassen oder Viertel allerdings nicht kennt, nützt das wenig und selbst wenn, fahren sie manchmal so schnell, das man eh nicht alles lesen kann und dann hat man nicht gewunken und der Bus ist futsch.
Ich habe das auf jeden Fall schon mal geschafft und dann aus dem schickeren Ende bis ins Zentrum bzw. bis nach Hause mit dem Bus und zu Fuss 1,5 Stunden gebraucht!!! Das ist so, als wenn man zum Blutdruck messen von Aachen West nach Köln-Deutz fährt, nämlich völlig absurd. Irgendwie kriegt man hier ein andere Gefühl für Zeiten und Entfernungen und tut Dinge, die einem in Deutschland im Traum nicht einfallen würden.
Aber da ich ja jetzt immer brav alles wasche und schäle, passiert mir sowas hoffentlich nicht so bald nochmal.
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